Meine Wahl, Besuch bei Regula Nebiker, 6. November 2017

Infoheft, Nr. 193 (Dezember 2017) (361,8 KiB)

Serie Meine Wahl (Regula Nebiker)

Burkard Mangold: Rheinufer beim Waldhaus, Ölmalerei auf Leinwand, 1935, Sammlung Kunstkredit Archäologie und Museum Baselland, Inv. Nr. K1. 227 (Ankauf 1935)

Erich Münch: Frage-Zeichen, Bleistift und Farbstift auf Papier, 1973, Sammlung Kunstkredit Archäologie und Museum Baselland, Inv. Nr. K1. 1691 (Ankauf 1974)

Warum haben Sie sich für diese Werke entschieden?

Die Rheinlandschaft von Burkart Mangold hat mir sofort gefallen, besonders die natürlichen Grün- und Brauntöne sprechen mich an. Der Bildausschnitt zeigt das Rheinufer bei Birsfelden, dort, wo sich heute der Rheinhafen befindet und weiter unten das Kraftwerk Birsfelden steht. Auf den ersten Blick erscheint das Sujet uninteressant und zeigt eigentlich auch keinen besonders schönen Landschaftsausschnitt. Erst bei näherer Betrachtung eröffnen sich vielschichtige Bezüge.

Mir gefällt gerade dieser unspektakuläre Blick auf das Rheinufer, auf den Fischergalgen und den angebundenen Weidling im Vordergrund. Ich finde es reizvoll, wie der Maler den Ausschnitt wählt, wie er die in Untersicht angeordneten Stützelemente des Galgens mit einer traditionellen Landschaftsansicht kombiniert sowie die Nah- und Fernperspektive miteinander verschränkt. Ich finde es bemerkenswert, dass Burkard Mangold das Sujet 1935 gemalt hat, kurz bevor zwischen 1937–1940 der Rheinhafen in Birsfelden gebaut wurde. Damals gab es in der Bevölkerung aktiven Widerstand gegen dieses Grossprojekt. Das Gemälde ist auch ein historisches Dokument, es zeigt einen Blick auf eine Landschaft, die heute so nicht mehr existiert.

Die Liebe zum Rhein hat meine Bildauswahl wesentlich beeinflusst. Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Unsere Familie besass einen Landesproduktehandel und hat unter anderem Kirschen nach Rotterdam exportiert. Als Kind hatte ich keine Vorstellung davon, wo Rotterdam liegt. Umso spannender finde ich, dass dieser grosse Fluss – als Verbindung von der Landschaft zum Meer und zur «weiten» Welt – fast das ganze Bild ausfüllt.

Die Zeichnung Frage-Zeichen von Erich Münch begleitet mich seit Jahren und hat diverse Umzüge erlebt. Die Platzierung oberhalb dieses Möbels, wo ich immer aktuelle Ablagen und Dossiers hinlege, ist geradezu perfekt. Die Zeichnung zeigt eine Ansammlung von verschiedenen Gegenständen, Dokumenten, Büchern, Werkzeugen – zugleich Chaos und Ordnung. Die versammelten Gegenstände sehe ich auch als Illustration meiner Arbeit. Dabei geht es immer wieder um das Ordnen teils chaotischer Nachlässe sowie um das Setzen von Strukturen für eine organisierte Aktenführung, sodass die Dokumente für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben.

Was bedeuten Ihnen diese Werke in Ihrem Arbeitsalltag?

Ich schaue beide Werke oft an. Ich kann mich darin verlieren und entdecke immer wieder neue Anhaltspunkte. Der Frachter im Rheinufer beim Waldhaus irritiert mich zum Beispiel. Wieso stellt der Maler einen Frachter dar, wenn zur Entstehungszeit des Gemäldes der Hafen noch nicht gebaut war? Der Frachter ist Grenzgänger zwischen der Schweiz und Deutschland, das hatte in den 1930er-Jahren gewiss eine andere Bedeutung.

Auf dem Bild von Erich Münch fiel mir letzthin auf, dass es darauf wie auf einer Baustelle aussieht.

Gibt es Reaktionen von Personen, die in Ihr Büro kommen?

Viele Leute finden mein Büro sehr angenehm, das hat sicher auch mit der Bebilderung zu tun. Reaktionen betreffen vor allem das Gemälde von Burkard Mangold. Jemand hat mal gefragt, ob ich etwas mit Baustellen zu tun habe. Stimmt, auf allen Werken in meinem Büro gibt es Baustellen – auch auf einer kleinen Zeichnung von Oswald Lüdin, die den Bau des Kraftwerks Birsfelden zeigt. Ich mag Baustellen, sie inspirieren mich. Es sind Orte, wo etwas Neues entsteht.

In welchen Momenten haben Sie diese Werke in Ihrer Arbeit schon beeinflusst?

Eigentlich ist es umgekehrt. Meine Arbeit hier im Staatsarchiv führte zu dieser Bildauswahl. Als ich diese Stelle im Jahr 2000 angetreten bin, musste ich mich sogleich mit der Konzeption des Neubaus beschäftigen, der im Jahr 2007 eröffnet wurde. Umso bedeutungsvoller ist meine Bildauswahl, wo – sowohl im Werk von Mangold als auch in jenem von Münch – eine Geschichte erzählt wird, in der etwas am Entstehen ist.

Meine Bildauswahl scheint auf den ersten Blick eine zufällige Ansammlung. Rückblickend ergibt sie jedoch einen zusammenhängenden Sinn. Mit den Jahren entstehen Bezüge, die Bilder treten in einen Dialog, auch zu mir und meiner Tätigkeit als Leiterin des Staatsarchivs.

Dina Epelbaum: Kuratorin Sammlung Kunstkredit Baselland, Liestal (Interview und Fotos), Dezember 2017

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