Neujahrsrede 2018 im Rathaus von Liestal

Liebe Einwohnerinnen und Einwohner, liebe Gäste,

Ich begrüsse Sie ganz herzlich zu diesem Neujahrsempfang. Ich freue mich sehr, Ihnen allen am ersten Tag des neuen Jahres die guten Wünsche des Stadtrates für ein glückliches neues Jahr zu überbringen.

Die Stadt Liestal hat wiederum ein ereignisreiches Jahr hinter sich. Die sichtbarste Veränderung ist sicher die Neue Rathausstrasse. Diese Baustelle hat die Innenstadt für neun Monate komplett lahm gelegt. Für das Gewerbe und die Anwohner der Rathausstrasse war dies eine lange und schwierige Durststrecke. Das Liestaler Gewerbe hat aber in dieser Zeit gezeigt, wozu es fähig ist – mit cleveren Ideen konnten Kunden bei der Stange behalten werden. Es ist eine richtige Aufbruchstimmung entstanden. Die Bevölkerung hat an der Baustelle regen Anteil genommen. Mit dieser Strasse haben wir in Liestal einen Begegnungsort, wie man ihn weitherum nicht findet. Hier ist die Seele dieser Stadt.

Liestal ist überhaupt ein attraktiver Wohnort mit viel Lebensqualität – darum wächst auch die Bevölkerung langsam und stetig. Die Nachfrage nach Wohnungen ist ungebrochen. Die neu gebauten Wohnungen füllen sich gut. Eine wachsende Bevölkerung braucht aber auch eine wachsende Infrastruktur. Darum sind das neue renovierte Schulhaus Frenke und die neue Musikschule an der Kasernenstrasse genauso notwendig und wichtig. Weniger sichtbar, aber ebenso notwendig, sind die Investitionen in die Wasserversorgung, in den Verbindungsschacht mit Lausen und in das neue Reservoir auf Berg. Es bleiben noch eine ganze Menge Hausaufgaben zu leisten – die wir Schritt für Schritt anpacken müssen.

Ein ganz wichtiger Meilenstein für die Entwicklung unserer Stadt war auch die breite Zustimmung der Bevölkerung in den Quartierplan Bahnhofareal. Liestal muss sich fit halten für seine wachsende Bevölkerung.

Gute Politik ist das Resultat einer fruchtbaren Rollenteilung und einer offenen Gesprächskultur. Auch das durften wir in diesem Jahr erleben. Anders als auf anderen politischen Ebenen haben wir in Liestal eine sehr konstruktive politische Kultur – unterschiedliche Positionen werden hart diskutiert, aber immer auch mit gegenseitigem Respekt. Wir vom Stadtrat wünschen uns weiterhin einen lebendigen und fordernden Einwohnerrat – und tun unser Bestes, zusammen mit der Stadtverwaltung, gute Arbeit zu leisten bei der Umsetzung. Ich lade Sie ein, im nächsten Jahr einmal von der Tribüne aus den Debatten des Einwohnerrats zu folgen und sich selber ein Bild zu machen.

Es ist schön, in einer prosperierenden Gemeinde zu leben und diese mitgestalten zu dürfen. Bei aller Zufriedenheit dürfen wir aber nicht vergessen, dass wir nicht abgeschottet, in einer heilen Welt leben. Auch in Liestal sind nicht alle auf Rosen gebettet. Das geht uns alle etwas an – da dürfen wir nicht wegschauen. In der Stadt Liestal sind über 6 von 100 Einwohnerinnen und Einwohnern so arm, dass sie Ihren Lebensunterhalt nicht selber bestreiten können und Unterstützung, also Sozialhilfe, brauchen. Dazu kommt eine sehr grosse Dunkelziffer von Leuten, die sich gerade so über Wasser halten können. Die Wohnkosten und die Krankenkassenprämien sind für diese Leute zum Beispiel ein grosses Problem, eine Zahnarztrechnung ist eine Katastrophe. Diese Leute können sich nichts leisten.

Das schlimmste an der Armut ist aber nicht, dass man mit der Konsumwelt nicht Schritt halten kann. Das schlimmste ist, dass man vom Leben der anderen ausgegrenzt wird und das Gefühl hat, „nicht dazu zu gehören“. Kinder, die in solchen Situationen aufwachsen fühlen sich zeitlebens ausgegrenzt.

Gute Arbeit machen wir (oder eben: die Stadt), wenn es uns gelingt, alle Menschen dabei zu unterstützen, ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben zu führen. Das braucht Bildung, Quartierarbeit, Förderprogramme und eine menschenwürdige und selbstverständliche materielle Unterstützung, dort wo sie nötig ist. Wenn es gelingt, die Hoffnungslosigkeit zu durchbrechen, wirkt Sozialpolitik emanzipatorisch im besten Sinn.

Auch in unserer hübschen und aufstrebenden Kleinstadt gibt es unterschiedliche Geschwindigkeiten und Zugehörigkeiten. Es gibt die, die den Ton angeben und es gibt die, die nicht viel zu sagen haben – die man kaum sieht respektive in der Öffentlichkeit wahrnimmt. Man weiss eigentlich auch, in welchen Quartieren die Musik spielt und wo eben nicht. Es ist nicht zu übersehen: unsere Gesellschaft ist - und wird zunehmend wieder - eine Klassengesellschaft. Das ist ungerecht, dagegen müssen wir etwas tun. Wir wollen in einer Stadt leben, wo alle eine Chance haben, wo sich alle beteiligen können und wo sich alle geborgen und aufgehoben fühlen, wenn sie Hilfe nötig haben.

In der Präambel unserer Bundesverfassung steht eine einfache und prägnante Aussage, die wir uns alle zu Herzen nehmen müssen, nämlich: „(...) dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.“ Da haben wir uns selber einen Verfassungsauftrag gegeben und auch Verantwortung übernommen. Das Wohlergehen der Schwachen kann man auch nicht einfach an eine Stadtbehörde delegieren. Daran sind wir – die Einwohnerinnen und Einwohner dieser Stadt - alle beteiligt. Pflegen wir das Miteinander und schauen wir zueinander, unterstützen wir uns gegenseitig und bleiben wir stark.

Ich wünsche Ihnen allen ein erfülltes, glückliches und erfolgreiches Neues Jahr 2018 – mit vielen Chancen für alle.

Liestal, 1. Januar 2018,
Regula Nebiker

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