Neujahrsrede 2014 im Rathaus von Liestal

Liebe Einwohnerinnen und Einwohner – liebe Gäste,

Ich begrüsse Sie ganz herzlich zu diesem Neujahrsempfang. Ich freue mich sehr, Ihnen allen am ersten Tag des neuen Jahres die guten Wünsche des Stadtrates für ein glückliches neues Jahr zu überbringen.

Die Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar ist zwar eine ganz normale Nacht zwischen zwei Tagen, und doch erleben wir sie als eine Art Wendepunkt … als ein kurzes Innehalten, einen Etappenhalt. Ich empfinde an Neujahr immer auch eine – eigentlich unerklärliche - Vorfreude auf das was kommt. Darum ist mir bei meiner Suche nach einem Einstiegszitat wohl dieses aufgefallen: "Wenn's alte Jahr erfolgreich war, dann freue dich aufs neue, und war es schlecht, ja dann erst recht" (Karl-Heinz Söhler, deutscher Publizist, 1923-2005).

Ich bin nun ziemlich genau ein Jahr lang im Stadtrat. Das Jahr 2013 habe ich als sehr lehrreiches, intensives aber auch erfolgreiches Jahr für unsere Stadt erlebt.

Zum Beispiel auf dem Bahnhofareal haben sich die SBB, der Kanton und die Stadt Liestal an einen Tisch gesetzt und mit der Planung für eine neues Bahnhofgebäude begonnen. Die Veränderungen beim Bahnhof werden sich auf das gesamte Bahnhofareal ausdehnen. Auch die Post ist inzwischen daran, sich Gedanken zu machen, wie der Platz am Bahnhof Liestal besser genutzt werden kann.

Der neue Schwung wird auch von ausserhalb wahrgenommen: noch nie war Liestal so oft und so positiv in den Medien präsent. Die Wohn- und Lebensqualität unserer Stadt ist kein Geheimtipp mehr. Das erleben aber auch alle, die hier eine Wohnung suchen und keine finden. Deswegen ist es erfreulich, dass neue Quartierpläne verabschiedet werden konnten, die neuen Wohnraum schaffen.

Es ist auch wieder nötig geworden, in die Bildung zu investieren. Die grossen Veränderungen im Bildungsbereich sind gewaltige Herausforderungen für alle Beteiligten. Die Raumbedürfnisse der Schulen sind aber auch eine Folge der prosperierenden Entwicklung unserer Stadt. Ein erster Meilenstein konnte gesetzt werden mit der Realisierung der Tagesstrukturen an den Liestaler Schulen. Ab nächsten Sommer kann dieses längst überfällige Bedürfnis vieler Liestaler Familien zumindest für die Schulkinder erfüllt werden.

Meine persönliche Erfahrung in diesem Jahr: im Stadtrat muss man sich auf das Machbare konzentrieren, erlebt Grenzen und Sachzwänge manchmal schmerzhaft. Nötig ist auch Augenmass. Die Finanzen bleiben angespannt. Die Sanierung der Pensionskasse bringt eine neue Schuldenbelastung und das ist ein Rückschlag. Damit ist Liestal aber nicht allein. Andere Gemeinden stehen zum Teil vor noch grösseren Problemen. Ich bin überzeugt, dass wir in Liestal gut aufgestellt sind.

Gute Politik ist das Resultat einer fruchtbaren Rollenteilung und einer offenen Gesprächskultur. Auch das durften wir in diesem Jahr erleben. Anders als auf anderen politischen Ebenen haben wir in Liestal eine sehr konstruktive politische Kultur – unterschiedliche Positionen werden hart diskutiert, aber immer auch mit gegenseitigem Respekt. Es ist am Einwohnerrat, im Namen der Einwohnerschaft unserer Stadt, politische Forderungen aufzustellen und kritisch nachzufragen. Wir vom Stadtrat wünschen uns weiterhin einen lebendigen und fordernden Einwohnerrat - und tun unser Bestes, zusammen mit der Stadtverwaltung, gute Arbeit zu leisten bei der Umsetzung.

Ich lade Sie ein, im nächsten Jahr einmal von der Tribüne aus den Debatten des Einwohnerrats zu folgen und sich selber ein Bild zu machen.

Es ist schön, in einer prosperierenden Gemeinde zu leben und diese mitgestalten zu dürfen. Bei aller Zufriedenheit dürfen wir aber nicht vergessen, dass wir nicht abgeschottet, in einer heilen Welt leben. Viele Menschen an anderen Orten der Welt sind in grosser Not – da dürfen wir nicht wegsehen. Tragödien, wie sie sich zum Beispiel in Lampedusa abgespielt haben, werden leider wohl auch im nächsten Jahr nicht ausbleiben.

Vor 100 Jahren hat ein Liestaler, Carl Friedrich Georg Spitteler (1845-1924), eine wichtige Rede gehalten, sie hiess: „Unser Schweizer Standpunkt“. Ich habe sie kürzlich wieder gelesen. Dieser Text ist erstaunlich aktuell. Carl Spitteler beklagt den Nationalismus, die Kriegsrethorik, die Gehässigkeit und die Gefühlskälte gegenüber menschlichem Elend. Vor allem störte ihn, dass diese Polemik nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs auch in der Schweiz um sich gegriffen hatte – obwohl unser Land selber ja gar nicht beteiligt war.

Ich möchte den Schluss seiner Rede gerne zitieren: „Nun wohl: eine Ausnahmegunst des Schicksals hat uns gestattet, bei dem fürchterlichen Trauerspiel, das sich gegenwärtig in Europa abwickelt, im Zuschauerraum zu sitzen. Auf der Szene herrscht die Trauer, hinter der Szene der Mord. Wohin Sie mit dem Herzen horchen, sei es nach links, sei es nach rechts, hören Sie den Jammer schluchzen, und die jammernden Schluchzer tönen in allen Nationen gleich, da gibt es keinen Unterschied der Sprache. Wohlan, füllen wir angesichts dieser Unsumme von internationalem Leid unsere Herzen mit schweigender Ergriffenheit und unsere Seelen mit Andacht, und vor allem nehmen wir den Hut ab. – Dann stehen wir auf dem richtigen neutralen, dem Schweizer Standpunkt“ (Carl Spitteler).

Spitteler hat für diese Rede 1920 den Literaturnobelpreis erhalten. Lassen Sie uns seine Worte im nächsten Jahr nicht vergessen. Noch immer herrscht in vielen Teilen der Erde Krieg und Elend. Noch immer leiden Menschen auf dieser Welt, ohne dass sie etwas dafür können … Das darf uns nicht unberührt lassen. Horchen wir mit dem Herzen, bleiben wir menschlich und lassen wir uns nicht von Egoismus und Polemik ins Bockshorn jagen, wenn es darum geht, anständig umzugehen mit Menschen, denen es nicht so gut geht wie uns!

Ich wünsche Ihnen allen ein erfülltes, glückliches und erfolgreiches Neues Jahr 2014. Ich danke Ihnen.

Liestal, 1. Januar 2014
Regula Nebiker

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