3. Grenzüberschreitendes Geschichtskolloquium am 24. Oktober 2015 in Liestal

Wir sind stolz auf unser historisch gewachsenes Stadtbild und darauf, dass sich ihre Geschichte seit ihrer Zeit als befestigter Marktflecken der Froburger im Mittelalter bis heute am Stadtbild ablesen lässt. Sie können sich davon selber überzeugen, wenn Sie zum Fenster hinaus schauen.

Ich verzichte darum auf eine ausführliche Gründungsgeschichte unserer Stadt und möchte mehr auf die Rolle von Liestal als Hauptstadt im Kanton Basel-Landschaft eingehen. Die Verflechtung von Liestal mit "seinem" Kanton Basel-Landschaft zeigt sich symbolisch im Kantons- und im Stadtwappen. Der Bischofsstab erinnert aber auch an die Wurzeln im Bistum Basel – und damit an die gemeinsame historische Vergangenheit der Region nördlich des Juras, mit dem Elsass und mit Südbaden.

Der grenzüberschreitende Austausch zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Stadt Liestal, aber auch in derjenigen des Kantons Basel-Landschaft. In Liestal trennen sich die Nord-Süd-Passstrassen über den Oberen und über den Unteren Hauenstein.

Über diese Strassen kamen natürlich auch neue Ideen ins Land. Es wundert nicht, dass das Gedankengut der französischen Revolution gerade hier auf fruchtbaren Boden fiel. Hier stand 1798 der erste Freiheitsbaum und hier wurden auch die „4 Liestaler Punkte“ entworfen. In einem unblutigen Staatsstreich wurde innert kurzer Zeit der Untertanenstatus der Landbürger aufgehoben und eine neue Verfassung eingeführt.

In Liestal entstand ein recht selbstbewusstes, wohlhabendes und durchaus weltoffenes Bürgertum. Das war der Nährboden für die 1830er Revolution, die 1833 zur Trennung der beiden Basel führte – diesmal nicht mehr gewaltlos. Der junge Kanton Basel-Landschaft wurde zum Exil vieler revolutionär gesinnter junger Leute aus Deutschland – hier wurden ihre republikanischen Ideen in Wirklichkeit umgesetzt und hier konnte man etwas aufbauen. Dieser Ideenaustausch prägte die erste Zeit des jungen Kantons. Ein Beispiel für einen deutschen Exilanten ist Georg Herwegh, dessen Denkmal sie auf dem Weg vom Bahnhof hierher gesehen haben.

Der junge Kanton Baselland hatte es sehr schwer und kämpfte über Jahrzehnte immer wieder mit Strukturproblemen. Seit der Kantonstrennung von 1833 kommt die Frage nach einer Wiedervereinigung periodisch auf den Tisch – und damit auch heftige emotionale Auseinandersetzungen. Immer liegen finanzielle Probleme und grössere gesellschaftliche Veränderungen zugrunde. Eine solche Auseinandersetzung haben wir gerade hinter uns. Im Herbst wurde die „Fusionsinitiative“ mit grossem Mehr der Landbevölkerung abgelehnt.

Auch diesmal liegt ein zeitgenössischer Grundkonflikt vor: der Graben zwischen modernem-urbanen und konservativ-ländlichen Lebensstilen. Auch damit liegen wir im europäischen Trend. Die Leute, die sich heute so vehement für ein selbständiges Baselbiet einsetzen, sind meist auch kategorische EU-Skeptiker. Sie wären vermutlich seinerzeit nicht für die Kantonstrennung gewesen, die wesentlich vom Import von europäischem Gedankengut geprägt war.

Liestal hat in diesen Entwicklungen meist eine Spezialstellung – weder Dorf noch Stadt. Trotz der äusserlichen Beschaulichkeit hat aber auch Liestal eine lebendige Entwicklung mitgemacht in den letzten beiden Jahrhunderten. Auch dies lässt sich im Stadtbild sehr gut ablesen.

Das 19. Jahrhundert brachte unserer Stadt die Eisenbahn und die Industrie. Insbesondere in der Textilindustrie machte sich Liestal einen Namen – einigen von Ihnen wird beispielsweise der Name Hanro ein Begriff sein. Seit den 60er Jahren machte unsere Stadt eine massive Deindustrialisierung mit. Dieser Rückschlag ist heute überwunden. Inzwischen sind die grossen Industrieareale Hanro und Schild neu belebt, beide sind interessante und bunte Mischungen mit Gewerbe, Kunst -und Dienstleistungsbetrieben geworden. Die noch immer vorhandenen Industriebrachen schliessen sich.

Die stadtnahe Bahnlinie (eine der meist befahrenen Strecken in Europas) bildet eine massive Barriere zwischen den Wohngebieten auf den Südhängen und dem Stadtkern. Wenn die Bahn baut, dann sind das Generationenprojekte, die die Landschaft nachhaltig verändern. Gerade jetzt plant die SBB den Bau einer vierten Spur und eines neuen Bahnhofs. Die Bauarbeiten werden rund 10 Jahre dauern. Wiederum wird das einen grossen Einfluss auf das Stadtbild haben, aber auch auf die Stadtentwicklung.

Liestal ist von Investoren entdeckt worden, nicht zuletzt dank seiner fantastischen Anbindung an den öffentlichen Verkehr. In 7 Minuten ist man in Basel, in weniger als einer Stunde in Bern oder Zürich und dies (fast) im Halbstundentakt. Heute haben wir in Liestal mehr Arbeitsplätze als Einwohner, täglich steigen jeweils rund 17‘000 Menschen am Bahnhof Liestal ein und aus. Kein Wunder, dass man hier kaum leere Wohnungen mehr findet.

Liestal ist mit seinen 14'000 Einwohnern zwar noch immer überschaubar. Es ist aber auch selbstbewusste Hauptstadt unseres Kantons, Standort der Verwaltung, der grossen Kantonsschulen und zweier Spitäler. Wir begegnen dem Kanton auf Augenhöhe – im Selbstverständnis unterscheiden wir uns nicht stark von unseren Vorgängern in den Zeiten der französischen Revolution. Wir erleben aber auch die Verschiebung der Stadtgrenzen aufs Land. Liestal wandelt sich vom Stedtli zur Stadt mit allen Begleiterscheinungen. Seit rund 15 Jahren erleben wir eine rasante Entwicklung von der beschaulichen Kleinstadt zur dynamischen Agglomerationsgemeinde der Stadt Basel.

Die besondere Herausforderung für uns als Stadtbehörde ist es, die Dynamik zu nutzen, aber auch zu kanalisieren und Augenmass zu bewahren. Unsere Stadtbehörde setzt sich aus historisch und kulturell sehr engagierten Personen zusammen. Uns allen ist es ein persönliches Bedürfnis, dafür zu sorgen, dass die Geschichte und der Charakter unserer Stadt bei allen Veränderungen noch immer lesbar und erkennbar bleiben. Diese besondere Lebensqualität ist für uns der wertvollste Standortvorteil unserer Stadt.

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in unserer Stadt und viele gute Eindrücke am Kolloquium – und, ich hoffe auch, dass Sie Gelegenheit finden, einen kurzen Spaziergang durch unsere sehenswerte Altstadt zu machen.

Liestal, 24.10.2015,
Regula Nebiker,
Stadträtin Liestal

Siehe: Martin Stohler, "3. Grenzüberschreitendes Geschichtskolloquium in Liestal", in: Baselbieter Heimatblätter, Jrg. 80, Nr. 4 (Dezember 2015), S. 126-130.

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