175 Jahre Jubiläum des Frauenvereins Liestal

Ansprache zum 175 Jahre Jubiläum des Frauenvereins Liestal, Jubiläumsfest am 22. September 2018, Hotel Engel (18:00 Uhr)

Sehr geehrte Damen

Es ist mir eine grosse Ehre, heute hier sprechen zu dürfen. Meiner Meinung nach werden die Frauenvereine seit jeher unterschätzt. Ich betrachte sie nämlich als ein ganz wichtiges und typisches schweizerisches Kulturgut. Sie sind seit über Jahrhunderte ein wichtiger Kitt in jeder Dorf- oder Stadtgemeinschaft unseres Landes, im Gegensatz zu anderen Vereinen und zur Politik jedoch meist unspektakulär und ohne grosses Aufsehen. Das erklärt, dass man in den Geschichtsbüchern wenig davon liest – Taten von Männern kommen da einfach viel mehr zum Zug. Aus diesem Grund war mir immer wichtig, dass wir im Staatsarchiv Archive von Frauenvereinen aufnehmen. Damit soll in Erinnerung behalten werden, was hier, oft im Verborgenen über Jahrhunderte in allen Gemeinden geleistet worden ist.

Die Gründung von Frauenvereinen wurde im 19. Jahrhundert von den gemeinnützigen Gesellschaften gefördert. Diese Gesellschaften setzten sich zum Ziel, das Gemeinwohl zu fördern. Der Bildung und Erziehung wurde dabei eine ganz zentrale Rolle zugeordnet. Dies war der Einfluss von Reformern wie Pestalozzi. Mit dem Schulinspektor Kettiger war auch in Liestal ein Pestalozzischüler sehr aktiv. Seine Frau findet man selbstverständlich von Anfang an in den Mitgliederlisten unseres Vereins.

Als Zweck des Frauenvereins Liestal steht lapidar in den Statuten: "Der Zweck des Frauenvereins ist Wohltätigkeit gegen Arme und Hebung der hiesigen Arbeitsschule".

Präsident des Vereins war jeweils der Pfarrer. In den ersten zwei Jahren war dies Pfarrer Emil Zschokke. Von ihm gibt es ein Tagebuch. Darin steht knapp: „1843 Gründung des Frauenvereins in Liestal. Erstmalige Zusammenkunft in der Mädchenschulstube, d. 10. October“. Pfarrer Zschokke fühlte sich zu jener Zeit allerdings nicht mehr wohl in Liestal. Ihn zog es zurück in den Kanton Aargau. In Liestal vergoss er nicht mehr viel Herzblut – das kann man zwischen den Zeilen lesen. Ende 1844 bekam er endlich eine Pfarrstelle im Kanton AG und zog von Liestal weg.

Sein Nachfolger, Pfarrer Widmann, ging die Sache dynamischer an. Im September 1845 rief er die „engere Kommission“ des Frauenvereins zusammen. Es wurde beschlossen, die Statuten zu revidieren und die Aktivitäten des Vereins im Winterhalbjahr wieder aufzunehmen. Pfarrer Widmann führte persönlich Protokoll von jeder Sitzung. Schullehrer Ritter führte die Kasse. Als Lokal stellte der Stadtrat den Stadtratsaal zur Verfügung. Ich bringe Ihnen zur Anschauung das erste Protokoll Ihres Vereins mit – geschrieben vom Pfarrer Widmann. Er hatte nicht die schönste Schrift und protokollierte etwas nachlässig (Protokoll befindet sich im Staatsarchiv BL).

Da offenbar nur wenige Frauen an der ersten Versammlung erschienen, wurde ein Inserat in der Zeitung mit einem Aufruf veröffentlicht. Die Versammlungen im Winterhalbjahr fanden jeden zweiten Mittwoch statt. Während den Sitzungen wurde genäht und gestrickt. Die dabei entstandenen Hemden und Socken kamen armen Familien zu Gute. An jeder Sitzung wurde ein Beitrag einkassiert. Der so zustande gekommene Betrag wurde fein säuberlich protokolliert.

An jeder Sitzung wurden die Zuwendungen an bedürftige Familien behandelt (Geld oder Naturalien wie Kleider/Brot/Suppe). Jeder Fall wurde detailliert protokolliert und man darf sich auch vorstellen, dass die Fälle jeweils lebhaft beredet wurden. Es gab wenig Geheimnisse in der damaligen Kleinstadt, man kannte einander und die soziale Kontrolle war allgegenwärtig.

In den Frauenverein ging man wohl auch nicht immer ganz freiwillig. Denn jedes Mal musste auch ein Beitrag entrichtet werden. Es wurde erwartet, dass alle verheirateten Frauen und erwachsenen Töchter aus gutbürgerlichem Haus dem Verein angehörten. Manchmal schickte der Lehrer auch Schüler bei den Häusern vorbei um die Beiträge einzusammeln. Es gab also kaum ein Ausweichen.

Im Januar wurde jeweils auch eine Tombola durchgeführt. Diese darf man sich als ein wiederkehrendes und fest verankertes gesellschaftliches Ereignis vorstellen. Das Sammeln der Preise und der Losverkauf waren organisatorische Herausforderungen. Die Preise wurden jeweils mehrere Tage ausgestellt. Der Ertrag der Tombola stellte den Hauptposten bei den Einnahmen des Vereins dar.

Neben der Armenunterstützung wurde jeweils rund die Hälfte der Einnahmen in den Ankauf von Material (Stoff, Faden, etc.) für die Arbeitsschule investiert. Mindestens zwei Frauen assistierten auch regelmässig in den Arbeitsschulen. Dort lernten Mädchen Kleider flicken, stricken und nähen sowie Haushalt führen. Die dabei angefertigten Kleider kamen einerseits den Schülerinnen selbst zu Gute, wurden aber auch an bedürftige Familien verteilt.

Natürlich waren es vor 175 Jahren ganz andere Zeiten, das soziale Elend war mit Händen zu greifen und konnte jeden treffen. Die Frauenvereine fanden hier – natürlich von den Männern zugeteilt - ein wichtiges Tätigkeitsfeld, in dem sie sich in Zukunft und unter wechselnden Zeitumständen bis heute erfolgreich nützlich gemacht haben.

In der Anfangszeit um 1850 war der Aufbau der Handarbeitsschulen sehr wichtig. Die Männer in den gemeinnützigen Organisationen (darunter viele Pfarrer und Lehrer) erkannten die Schlüsselrollen der Frauen in den Familien und sahen darum in der Frauenbildung die wirksamste Massnahme gegen Verwahrlosung und Armut. Nachdem der Staat die Trägerschaft für die Arbeitsschulen übernommen hatte, gründeten viele Frauenvereine Kindergärten, weil man die Notwendigkeit der Frühförderung erkannt hatte. Der Kindergarten bereitete alle Kinder gleichermassen auf die Schule vor. Heute ist es die Spielgruppe, die noch immer von diesem Engagement zeugt.

Mit viel Engagement wurden in allen Gemeinden Tombolas, Bazars und viele andere Aktivitäten zu wohltätigen Zwecken auf die Beine gestellt. In meiner Funktion als Vorsteherin des Bereichs Sicherheit und Soziales möchte ich hier heute die Brockenstube besonders hervorheben. Wir sind sehr froh, dass wir die Leute dorthin schicken können und wir können den Erlös, der uns jeweils vom Frauenverein überwiesen wird, sehr gut brauchen und auf sinnvolle Weise dort einsetzen wo wirklich Hilfe nötig ist – dafür möchte ich an dieser Stelle ganz herzlich danken.

Die Frauenvereine haben ihre Aufgaben immer in grosser Selbstverständlichkeit wahrgenommen, sie sind auch selber zur Selbstverständlichkeit geworden. Da gehörte man einfach dazu. So habe ich das bei meiner Mutter erlebt und sie selber hat das von ihrer eigenen Mutter so übernommen. Das kennen die meisten von Ihnen wohl auch so. Ganz wichtig in jedem Frauenverein sind seit jeher auch die Aktivitäten zur Pflege des Zusammenlebens. Davon zeugen in den Archiven Fotos und Berichte von Veranstaltungen und von Vereinsreisen. Für viele Frauen waren dies die Höhepunkte in ihrem nicht immer nur einfachen Leben zu Hause als Hausfrau, Mutter und Ehefrau.

Seit ich in diesem Protokoll aus der Gründungszeit gelesen habe, versetze ich mich manchmal heimlich während einer Stadtratssitzung an einen Winterabend vor 175 Jahren – genau in diesem Raum. Man stelle sich vor: die Frauen sitzen um den Tisch herum am Handarbeiten beim Licht von ein paar Petrollampen. Das Gespräch dreht sich um die Zustände in den armen Familien und um andere Dinge. Allgegenwärtig war wohl auch die Autorität des Pfarrers im Raum.

Das ist alles zwar sehr, sehr lange her, aber: diese Geschichte ist weiter gegangen – bis heute. Schauen Sie sich um: da sind wir heute. Mitglieder desselben Vereins, festlich versammelt zum 175-jährigen Jubiläum! Der Frauenverein ist – nach der Schützengesellschaft – der älteste Verein unserer Stadt. Was würden die Frauen von damals wohl sagen, wenn sie uns heute hier sehen könnten? Inzwischen muss der Pfarrer nicht mehr dabei sein bei unseren Versammlungen. Inzwischen haben wir das Frauenstimmrecht – und ich darf, als Frau und Stadträtin, im Namen des Stadtrats die besten Wünsche zum Jubiläum überbringen, zusammen mit einem ganz herzlichen Dank für alles, was zum Wohle dieser Stadt in dieser langen Zeit geleistet worden ist.

Liestal, 22. September 2018,
Regula Nebiker,
Stadträtin und Staatsarchivarin

ObZ (Oberbaselbieter Zeitung), 27. September 2018

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