Ansprache 30 Jahre nach dem Sendestart von Radio Raurach am 1. November 1983

Liebe Gäste,

Und nun ist das Radio Raurach ein Buch! Die Radio-Pioniere der ersten Stunde, Bobby Bösiger und Jürg Schneider, die das Experiment Radio Raurach gestartet haben, haben das Buchprojekt durchgeführt, das Thema aufgearbeitet, ausgewertet und nun, nach exakt 30 Jahren …, pünktlich abgeschlossen. Aus der zeitlichen Distanz und so schön der Reihe nach auf Papier gebracht, sieht alles wie eine logische Abfolge aus, wie ein Schicksal, das nicht abzuwenden war, weil es von Anfang an zu viele Konstruktionsfehler gab. Aber war es wirklich so unausweichlich?

Hätte es nicht vielleicht doch auch anders kommen können? Das frage ich mich, wenn ich sehe, wie viele andere Privatradios in der „Restschweiz“ es doch geschafft haben und immer noch senden, viele mit Erfolg. Es gibt einen überraschenden Befund einer neueren Studie des Bakom (2012): Die erfolgreicheren Privatsender finden sich erstaunlicherweise nicht in den Städten, sondern eher in Randregionen und ländlichen Gebieten. Sie haben eine starke und breite Hörerbindung, relativ viele Wortbeiträge und auch viel Werbung des lokalen Gewerbes. Eine Konstellation, die Radio Raurach bei seinem Start eigentlich vorgefunden hätte.

Ich höre zum Beispiel im Wallis manchmal "Rhône FM". Das läuft im Bus, in den Läden und in den Restaurants. Da beteiligen sich Jung und Alt, man erfährt, was in welchem Dorf los ist, die Leute telefonieren, es gibt Strassenumfragen etc. – eine recht lustige Mischung. Den Leuten scheint es zu gefallen, sie nutzen ihren Sender und er ist Teil der lokalen Identität. Wenn ich diesen Sender höre, erinnert er mich immer ein bisschen an Radio Raurach in besseren Zeiten. So hätte es auch sein können. Im Jura gibt es einen ganz ähnlichen Sender. Ich kenne die finanziellen Hintergründe dieser Sender nicht – aber wie ich den Jura und das Wallis kenne, gibt es dazu sicher auch einschlägige Geschichten.

Ich meine nur: Das „Handgestrickte“ von Radio Raurach in der Startphase war keineswegs das Hauptproblem – unter etwas anderen Umständen und vielleicht schon mit einer professionelleren Redaktionsleitung hätte genau dieser Mix, das „Radio für alle“, sogar zur Stärke werden können. Der Enthusiasmus und das grosse Wohlwollen, das wir alle in der Bevölkerung erlebt haben, war ein sehr grosses Potential.

Selber trat ich direkt ab der Uni, 1985, in die Redaktion von Radio Raurach ein – ins Studio Sissach, und blieb da, knapp 2 Jahre. Das war ein Sprung ins kalte Wasser. Beim Raurach gab‘s kein langes Federlesens. Ich war eigentlich schüchtern, hatte von Technik keine Ahnung und auch von Popmusik verstand ich relativ wenig. Politik hingegen interessierte mich schon. Aber darum ging es zunächst gar nicht. Die grösste Herausforderung war für mich die Technik – es gab wenig Fehler, die ich nicht gemacht habe: Schallplatten auf falschen Touren, klemmende Tonbänder, wichtige Persönlichkeiten am Telefon, die einfach aus der Leitung kippten, und – ein Höhepunkt meiner Pannen – Fluchen bei offenem Mikrofon. Denkwürdig war mir auch ein Segelflug zusammen mit Peter Rusch, bei dem es mir so kotzübel war wie nie mehr in meinem Leben … Ich habe in den beiden Jahren gelernt, Peinlichkeiten auszuhalten, den Kopf nicht zu verlieren – heute kann ich mich ganz gut auf meine Stimme verlassen, mir verschlägt es die Sprache nicht so schnell.

Mein politisches Interesse kam aber auch zum Zug. Der bürgerliche Hintergrund des Radios war mir sehr bewusst. Fast alle politischen Schwergewichte des Kantons gingen in der Redaktion ein und aus, sie waren sehr wohlwollend unserer Arbeit gegenüber – väterlich ist vielleicht der richtige Ausdruck dafür – in meinem Fall sicher, war doch mein Vater einer von ihnen. Das Radio war für sie mit seiner Unmittelbarkeit ein interessantes und unkompliziertes Medium. Einige nutzten es sehr aktiv, wie zum Beispiel Regierungsrat Spitteler – den wir manchmal zum Scherz unseren besten Berichterstatter nannten. Viele setzten sich ins Redaktionsbüro um mit uns zu reden. Ich erinnere mich an viele interessante Gespräche mit Karl Flubacher und auch mit Alfred Oberer. Ich erhielt so wertvolle Einblicke in den Mechano der Politik der 80er Jahre – ein Wissen, das ich heute als Staatsarchivarin gut brauchen kann.

Gut erinnere ich mich aber auch noch an die Grundhaltung dieser väterlichen Gründergestalten. Sie verkörperten eine Ideologie, die für sie so selbstverständlich war, dass sie ihnen gar nicht als solche bewusst war. Sie hatten halt die Wahrheit gepachtet und wussten, was Recht ist. In ihren Augen war das „nicht ideologisch“. Ich stand schon damals politisch links. Das war an sich kein Problem, man war ja liberal – ich vermute aber, einige meinten, dass sich das schon noch auswachsen würde … Das sagte man so in diesen Kreisen. Tatsächlich bestärkte mich meine Zeit beim Radio Raurach in meiner politischen Grundhaltung: Als ich nicht mehr Journalistin war, trat ich der SP bei. Heute gäbe es so einiges, das ich mit den lieben Verstorbenen gerne noch einmal diskutieren möchte.

Ich habe in meiner Zeit beim Raurach natürlich auch ein Stück Kantonsgeschichte miterlebt, zum Beispiel: Ein anderer 1. November im Jahr 1986 wegen der Brandkatastrophe Schweizerhalle. Da stand ich zusammen mit dem gesamten Führungsstab des Kantons direkt neben dem Grossbrand im rot gefärbten Löschwasser, man wusste noch nicht, ob's wirklich giftig war oder nicht – ich habe die Schuhen eine Weile aufbewahrt, sie haben jahrelang gestunken nach dem Gestank dieser Nacht. Weiteres Beispiel: Die Regierungsrats- und Landratswahlen von 1987 – da waren wir dicht dran und wohl mit unserer Berichterstattung auf einem Höhepunkt (in meiner Phase). Anders war es mit der Watrag Affäre – die wir aus unserer Warte und mit unseren Informanten schlicht nicht durchschauen konnten.

Es war übrigens nicht so, dass wir im Team von den Problemen, in die das Radio verstrickt war, nichts gemerkt hatten. Obwohl wir Anfänger waren, und sicher auch naiv, waren wir ja doch journalistisch tätig. Das Gefühl der Intransparenz und auch der Machenschaften belastete uns bei der Arbeit. Mich hat das grundsätzlich kritisch gemacht – ich habe gelernt, dass vieles nicht das ist, was es zu sein scheint. Das war das Ende der Gutgläubigkeit - kann man auch sagen.

Mir war bald einmal klar, dass dies nicht meine Welt bleiben würde – darum habe ich auch wenig Schaden genommen. Ich habe aber miterlebt, wie Kollegen Herzblut vergossen und gelitten haben. Da wurde enorm viel Enthusiasmus und Engagement zunichte gemacht und das ist auch nach meiner Zeit noch so weiter gegangen. Man hat Leute verheizt. Zwischen den Zeilen des Buches kann man davon noch so einiges spüren. Das Buch liest sich wie ein Lehrstück. Es erzählt, wie politische und ideologische Verkrampfungen, "hidden agendas" und Machtspiele und vor allem auch grossartige Fehleinschätzungen dem Sender zum Verhängnis wurden. Er war Spielball der Interessen. Das ist leider typisch für die Welt der Medien und wiederholt sich immer wieder, wie aktuelle Beispiele vor Augen führen. Das ist sehr schade!

Das grösste Verdienst dieses Buchs finde ich die Offenheit, mit der dargestellt wird, warum und unter welchen Umständen, alles so kam, wie es dann kommen musste. Das ist eine Leistung der Herausgeber. Die Unvoreingenommenheit von Bobby Bösiger und Jürg Schneider stand übrigens auch am Anfang des Raurach-Projekts – ich habe sie damals vor 30 Jahren erlebt und damals mehrmals auch naiv gefunden. Ich habe diese Offenheit im Buch wieder angetroffen – heute sehe ich sie als Qualität und freue ich mich darüber, dass sie noch da ist. Man darf sich fragen, was wäre wenn … man heute wieder beginnen könnte, mit einer ganz ähnlichen Idee wie damals, aber im Internet-Zeitalter mit einer neuen (weniger kostspieligen) Technologie, ohne Sendeanlagen und UKW-Frequenzen, unter anderen gesetzlichen Rahmenbedingungen und vor allem ohne Ränkespiele hinter den Kulissen, die diesem Lokalradio im Endeffekt mehr schadeten als nützten.

Ich denke, für die meisten von uns hier, war das Abenteuer mit „Eusem Radio“, ob es nun Radio Raurach hiess, oder unter welchem Namen auch immer es später sendete, viel mehr als ein gescheitertes Experiment. Es waren persönliche Erlebnisse, gute und schlechte Erfahrungen und vor allem: Emotionen und auch Perspektiven. Wir alle können Geschichten darüber erzählen bis uns niemand mehr zuhören mag … Darum geht es hauptsächlich heute Abend, ich freue mich darauf.

Liestal, 1. November 2013
Regula Nebiker

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